Revolution!

In wenigen Stunden wird über der Baie des Italiens ein gigantisches Feuerwerk gezündet. Odette Sissay feiert den Jahrestag ihrer Machtübernahme auf Lemusa. Doch es regt sich Widerstand, überall. Auch wir von der HOIO-Redaktion wollen die Diktatur auf Lemusa nicht. Wir haben deshalb ein Komitee gegründet, das sich für die Befreiung der Insel einsetzt: LEMUSA LIBRE (kurz LELI). Unser Ziel ist Revolte! Revolution! Befreiung!

Dummerweise haben Revolutionen aber nicht nur mit Freiheit zu tun, sondern auch mit Autorität. Wir sind uns deshalb nicht einig geworden, wie wir auf die Barrikaden steigen wollen. Dann ist uns ein Sprichwort der Kloi in den Sinn gekommen: «Kukaldar saria ek egeria raulzair». Auf Deutsch: «Kochen ist ein revolutionärer Akt.» Wir haben lange diskutiert, was dieser Satz eigentlich bedeutet. Und uns dann entschlossen, seine Interpretation zum Kerngeschäft unsere revolutionären Aktivitäten zu machen – in der Theorie wie in der Praxis.

Aus diesem Geist heraus haben wir uns zunächst mit der symbolischen Präsenz der Diktatur beschäftigt. Wir haben also die Flagge genommen, die Odette Sissay der Insel verschrieben hat.

Sie stellt die lemusische Urwachtel (Coturnix labians) dar, die eben vom Boden abhebt – oder aber landet (die Meinungen gehen da auseinander). Man erkennt das Tier, dessen Leber übrigens als eine absolute Delikatesse gilt, an dem kleinen Häubchen, das ein wenig an die Kopfbedeckung einer Stewardess erinnert. Über dem rechten Flügel des Vogels schwebt ein Stern, der – zusammen mit der Farbe der Flagge – die sozialistische Gesinnung (sic!) der Diktatorin zum Ausdruck bringen soll. Diese Fahne ersetzt die schöne Flagge mit dem Triskel, die während Jahrhunderten mächtig und stolz über der Insel wehte.

Wir haben uns dieser neuen Fahne angenommen und sie ein wenig verändert. So, dass sie jetzt zu unserem Leitmotiv passt.

Dann haben wir unseren programmatischen Namen darüber gesetzt – und einen Sticker mit dem Kernsatz unserer Revolution produziert, der pünktlich zum Jahrestag der Machtübernahme eingetroffen ist. Es ist unser erstes Revolutions-Produkt – und das Teil im Format A7 macht sich hervorragend auf Computern oder Autohecks, ziert Ordner und Aktentaschen, Bürotüren, Kühlschränke, Picknick-Dosen…

Wir haben übrigens auch eine japanische Bentobox mit dem Kleber versehen und sie, gefüllt mit Rinderherz Fuqi feipian, Lammherz-Tartar und geräucherter Zunge an Odette Sissay geschickt. Hoffen wir, dass die lemusische Post das Paket rechtzeitig auf dem Schreibtisch der Diktatorin deponiert. Sissays Karriere auf der Insel hat ja damit ihren Anfang genommen, dass sie sich als Köchin in den Haushalt von Hektor Maille eingeschlichen hat. Doch das ist eine andere Geschichte.

Kleben auch Sie mit an der Revolution! Senden Sie uns Ihre postalische Anschrift per Mail (redaktion@hoio.org), mit dem Vermerk «Revolution» – und wir senden Ihnen (solange Vorrat) gerne unentgeltlich drei Kleber zu.

Da wir uns in nächster Zeit verstärkt mit unserem Aufstand beschäftigen müssen (und überdies mit dem Wiederaufbau unseres Lemusa-Archivs), werden sich die Laboratoires Interdisciplinaires Jules Iette (LIJI, in erster Linie Susanne Vögeli vom Raum Nummer 8) um die Zusammenstellung der Newsletter kümmern. Sie wird aus ihrer eigenen Werkstatt erzählen und uns in ihre Welten entführen  – sie wird aber auch kuratieren, was wir kokottieren. Es wird um Erfahrungen am Herd gehen, um Ereignisse zwischen Zunge und Hirn, um Reisen des Gaumens, um Rezepte und Experimente, um Temperaturen, Temperamente, Tempos, Tremolos und Temptationen  – um viel Genussvolles also.

Doch vergessen wir ob solcher Freuden nie, was uns schon die Kloi gelehrt haben: «Kukaldar saria ek egeria raulzair!» Denn auch eine Revolution will erst erfunden sein! Oder gekocht?

HOIO Redaktion